Ich habe gestern bei Spiegel Online einen Artikel gelesen “Professoren im Zug: Ein Bahn-Fan packt aus”. Es ist ein sehr interessanter Artikel, das Wort “gut” rutscht mir in diesem Falle noch nicht über die Lippen.
Natürlich ist die Bahn gut, im weltweiten Vergleich ist die Deutsche Bahn sogar sehr gut! Durchsagen werden auf Deutsch und auf Englisch gemacht, in Grenzgebieten sogar auf Dänisch, Niederländisch etc. Das nenne ich durchaus Service. Zumal ich mich erst vorgestern zufällig mit einer Neuseeländerin unterhalten habe, die auch die DB viel besser fand als die Metro in Paris, wo ihr keiner weiterhelfen konnte, weil keiner Englisch sprach.
Dies ändert nichts an der Tatsache, dass es natürlich die Hauptaufgabe im Personenverkehr der DB ist, mich von A nach B zu bringen, um es als Büro zu bezeichnen, muss auch ich mindestens zwei Plätze für mich beanspruchen, was nicht immer leicht ist. Bei Ferienbeginn und den Sturm- und Drangzeiten ist dies meist jedoch unmöglich, wenn man sich nicht den gesamten Hass der Mitfahrenden auf sich ziehen will. Ich will es nicht, ich will nicht gehasst werden.
Als Kontaktbörse kann man die DB auch bezeichnen, zumindest dann, wenn man nicht in den Pendlerverkehr gerät. Das ist nämlich der kleine feine Unterschied. Pendler schweigen! Sie schlafen! Sie erholen sich! Wenn ich morgens in den Zug steige, herrscht in unserem Wagon Stille. Jeder hat einen 4er Sitz für sich. Man grüßt sich höchstens noch am Bahnsteig und dann reicht es aber auch schon. Abends mag das etwas anderes sein, da kann es schon mal passieren, dass man sich unterhält.
Weinstube – für mich ist das Bistro für alles andere bekannt, aber bestimmt nicht als Weinstube! Meine Empfehlung ist der Schokokuchen! Lassen Sie ihn sich warm machen, ein Gedicht! Gut, mit dem Schokokuchen könnte man sich mindestens 3 Tage ernähren (auf die Kalorienanzahl darf man an dieser Stelle einfach nicht achten), aber er ist richtig lecker. Wenn man Glück hat, bekommt man im Bistro sogar einen Cappuccino, mit weniger Glück nur normalen Kaffee, je nach Zustand der Kaffeemaschine. Auch die Gerichte sind wirklich lecker. Ich erinnere mich noch an eine Kürbissuppe, teuer – keine Frage, aber verdammt gut! Ich sehe dort Menschen nur Bier trinken, an Wein kann ich mich gar nicht erinnern. An dieser Stelle “danke”, ich habe etwas dazu gelernt, nun weiß ich, dass man auch im Bistro (anscheinend) guten Wein erhält. Über die Kritik der Kosten eines Weines will ich mich nicht groß äußern, wir reden hier von einer Berufsgruppe (Professoren, Akademiker, wissenschaftliche Angestellte…), die bestimmt keinen Hartz IV Antrag in ihrem Leben ausfüllen wird.
Es freut mich, wenn die Professoren in Deutschland oft mit der Bahn fahren. Es ist ein interessanter Bericht, wenn man mal etwas über andere Berufssparten erfahren will.
Ich hingegen bin noch Studentin (und besitze eine BC 100), ich lerne oft im Zug, auch mich entspannt die Atmosphäre. Natürlich umgeht man dabei die Reisegruppen, meidet Junggesellenabschiede und verbarrikadiert sich meist in den letzten Waggon.
Warum ein Professor so einen wunderbaren Standpunkt vertreten kann, liegt vermutlich daran, dass er die (finanziellen) Möglichkeiten besitzt, in den Genuss einer BC 100 First Class zu kommen. Hätte ich diese Möglichkeit, ich würde sie auch sofort nutzen. Denn wie oft, muss man sich Frauengruppen antun, die morgens um 9 Uhr schon die erste Flasche Sekt geleert haben, Gruppen, die zu einem Fussballspiel fahren und schon die erste Kiste Bier nach der ersten Station geplättet haben – Reisegruppen werden da schon mal zum (meinem persönlichen) Albtraum. Aber in der ersten Klasse sieht das arme Leben eines Professors schon deutlich anders aus. Eine persönliche Betreuung, die einen oft genug fragt: „Darf es noch etwas sein? Möchten Sie eine Zeitung lesen? Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“ lassen durchaus den Sozialneid bei mir hervorkommen. Aber ich verdiene nicht das Geld einer C3 Professur. Also zurück in die zweite Klasse, zu den normal sterblichen Menschen mit ihren ganz normalen alltäglichen Problemen.
In dem Forum zum erwähnten Artikel gibt es interessante Kommentare. Auch ich bin der Meinung, dass das Internet bzw. die Zugänglichkeit zum www ausbaufähig ist. Aber ob es wirklich beim Arbeiten/Lernen hilft? Ich bin da auch der Meinung, dass eher hinderlich ist. Abgeschiedenheit und Unerreichbarkeit können durchaus ein Segen sein! Man kann sich so viel besser auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Man wird nicht durch ein lautes „oh oh“ von diversen Chatprogrammen gestört, bekommt keine Emails, die man sofort beantworten muss und quasselt auch nicht unentwegt in den Hörer, was durchaus andere Reisende wieder stören kann. In der Regel interessieren mich auch die Telefonate der Mitreisenden nicht. Mir ist es peinlich, wenn ich angerufen werden. Es würde mir auch nie passieren, dass mein Handy laut klingelt. Ich empfinde es als unhöflich und störend – und eigentlich verlange ich es auch von anderen, dass sie ihr Handy auf Vibrationsalarm stellen, wozu gibt es denn diese Funktion? Und telefonieren sollte man so wie so nur im Vorraum erlauben.
Die durchaus sarkastische Interpretation von der Bildungsbahn Deutschland gefiel hingegen sehr gut. Allein die Vorstellung, Seminare und Vorlesungen in der Bahn abzuhalten, bringt mich zum Schmunzeln. Allerdings setzt dies eines Voraus: auch Studenten sollten eine BC 100 kostenlos erhalten!